Trotz seiner Ausbildung als Emailmaler wurde Liotard in erster Linie als Pastellmaler berühmt. Er gilt neben Maurice Quentin de la Tour als der bedeutendste Pastellist des 18. Jahrhunderts. Einige seiner Gemälde sind sehr berühmt geworden und haben teilweise eine wichtige Verbindung zu Dresden, wie beispielsweise das berühmte Bild „Das Schokoladenmädchen“.

Liotards Jugend und Ausbildung

Jean-Étienne Liotard wurde am 22. Dezember 1702 in Genf geboren. Er entstammte einer Hugenottenfamilie, die nach dem Erlaß des Edikts von Fontainebleau 1685 – mit dem die bis dahin geltende Religionsfreiheit für Protestanten aufgehoben wurde – vom Französischen Montélimar nach Genf emigrierte und 1701 eben dort zu Bürgern der Stadt wurde. Jean-Étienne hatte 13 Geschwister (darunter seinen Zwillingsbruder Jean-Michel, der später Zeichner und Kupferstecher wurde). Sein Vater Antoine hatte es als Schneider und Textilhändler im bereits damals prosperierenden und calvinistisch geprägten Genf zu Ansehen und Wohlstand gebracht, war aber dennoch 1720 bankrott gegangen. Bereits zuvor erhielt Jean-Étienne Liotard Unterricht vom Genfer Miniaturisten und Zeichenlehrer Daniel Gardelle (1673-1753), den er schon nach einigen Monaten in der Kunst des Kopierens überflügelte. Dann trat er in den Dienst von Jean-Louis Petitot (1692-1730), dessen Emailmalereien und Miniaturen er mit bemerkenswertem Können kopierte.
Jean-Etienne Liotard - Selbstbildnis mit Bart, entstanden 1749

Jean-Etienne Liotard – Selbstbildnis mit Bart (1749)

Um 1723 gingen die beiden Zwillingsbrüder Liotard nach Paris. Jean-Michel wurde Schüler des Kupferstechers Benoît Audran dem Jüngeren, während Jean-Étienne Liotard in das Atelier des Kupferstechers, Zeichners und Miniaturisten Jean-Baptiste Massé eintrat. Dieser vermittelte ihm erste Kontake in die High Society, wo er seine ersten, wenn auch schlecht bezahlten Aufträge für Porträts erhielt. Später reiste Liotard zwischen der französischen Hauptstadt und den Regionen Genf und Lyon hin und her und besuchte Verwandte. In den folgenden knapp zehn Jahren begann er, ein Netzwerk aus Kunden und Sammlern aufzubauen.

1733 fühlte er sich auch kompetent genug, um am Wettbewerb der Académie royale de peinture et de sculpture teilzunehmen, aber sein Historienbild, David im Tempel, wurde abgelehnt. Der Maler des Königs, François Lemoyne, wurde jedoch auf ihn aufmerksam und empfahl ihn dem gleichaltrigen Louis Philogène Brûlart, Marquis de Puysieulx, der ihn auf seiner Grand Tour mit nach Rom nahm. Dort arbeitete er für den dortigen Adel bis hin zum Papst. Seine Spezialität waren dabei Miniaturen auf Email, Pergament und Papier. Soweit man weiß, war er in Rom genauso wenig mit der dortigen Künstlerszene verbunden wie bereits zuvor in Paris.

Prägende Zeit in Konstantinopel und Moldau

Jean-Etienne Liotard - Selbstbildnis, erstellt 1744 als Pastell

Jean-Etienne Liotard – Selbstbildnis (1744)

Da Liotard auch in Rom keinen wirklichen Durchbruch erreichen konnte, nahm er die sich bietende Gelegenheit wahr, als eine Art Bildreporter an einer Expedition des John Montagu, Earl of Sandwich, in den Nahen Osten teilzunehmen. Diese führte ihn via Sizilien, Malta und einige griechische Inseln bis nach Konstantinopel, wo er 1738 eintraf und für vier Jahre blieb. Dabei wurden hier vor allem westliche Diplomaten und Kaufleute seine Auftraggeber. Gemalt hat er in dieser Zeit insbesondere westliche Frauen in türkischer Kleidung. Für Liotard aber sollte diese Phase recht prägend werden, begann er doch hier die später zu seiner Berühmtheit beitragende Selbstinszenierung in türkischer Tracht. Zusammen mit dem etwas später hinzu gekommenen, damals im westlichen Europa verpönten Bart und einer Pelzmütze prägte dies das Bild des Jean-Étienne Liotard bis heute.

Das Fürstentum Moldau hatte in jener Zeit in Constantin Mavrocordato einen aufgeklärten Regenten, der Liotard 1742 bei einem Treffen in Konstantinopel an seinen Hof in Jassy, dem heutigen Iași in Rumänien.Dort blieb Liotard insgesamt zehn Monate und arbeitete das einzige Mal in seinem Leben als Hofmaler, wobei er neben der fürstlichen Familie auch sämtliche Fürsten Moldaus und der Walachei porträtierte.

Liotard und Maria Theresia

Da sich ihm in Moldau keine weiteren Möglichkeiten boten, zog Liotard 1743 nach Wien weiter. Hier hatte er nun endlich auch in einer bedeutenden europäischen Stadt erfolg und malte neben dem Kaiserpaar Franz Stephan und Maria Theresia auch andere Mitglieder des Herrscherhauses der Habsburger in der von ihm favorisierten Technikdes Pastells. Im Gegensatz zur damals gängigen Malerei erstellte Liotard keine ganzfigurigen Werke, sondern auf die Wiedergabe des Gesichts konzentrierte Halbfigurenstücke. Liotard machte seine Arbeit in Wien so gut, daß es sein Porträt Maria Theresias war, das durch zahlreiche Kopien ihr Bild für die Zeitgenossen und die Nachwelt prägte.

Neben Martin van Meytens wurde Jean-Étienne Liotard zum Lieblingsmaler der österreichischen Kaiserin Maria Theresia. Es gelang ihm, einen so engen Umgang mit dem Kaiserpaar zu pflegen. Zudem wurde die Kaiserin sogar Taufpatin seiner 1763 geborenen Tochter Marie-Thérèse. Ebenfalls in diese kurze Wiener Phase von weniger als zwei Jahren fällt die Erstellung des berühmten Bildes „Das Schokoladenmädchen“.

Anfang 1745 reiste Liotard kurz nach Venedig. Auch wenn über den ursprünglichen Zweck der Reise nichts bekannt ist, so konnte er sie jedenfalls für den erfolgreichen Verkauf seines Meisterwerkes „Das Schokoladenädchen“ nutzen. Ankäufer war der – übrigens auch von Liotard porträtierte – Graf Algarotti, dessen Tätigkeit als Agent in Kunstfragen für den sächsischen Hof in Dresden allgemein bekannt war.

Paris, London und Holland

Im September 1745 schloß er sich dem Wiener Hof auf dessen Reise zur Kaiserkrönung nach Frankfurt an. Danach ging es über Bayreuth nach Genf und ein Jahr später nach Lyon, wo er länger blieb, auch weil in dieser Stadt Verwandte von ihm lebten. Von dort, wo einige der bedeutendsten seiner Werke entstanden, wandte sich Liotard nach Paris, und hier blieb er dann für die Jahre 1748 – 1752. Grund für diesen längeren Aufenthalt an der Seine war sein großer Erfolg. Hier entstand das später nach Dresden gelangte „Bildnis des Marschalls Moritz von Sachsen“, eines seiner wichtigsten Bilder. Der dabei Porträtierte war der Onkel der Kronprinzessin Maria Josepha und führte Liotard am französischen Hof ein. Dies brachte dem Maler wichtige Aufträge, denn nun konnte er die gesamte königliche Familie porträtieren, was für sein Ansehen einen enormen Gewinn darstellte.

Von der französischen Hauptstadt wechselte Liotard 1753 über den Ärmelkanal hinweg in die englische Hauptstadt. Auch in London erlangte Liotard Zugang zum Hof und Aufträge aus der königlichen Familie. Dem schlossen sich zahlreiche Aufträge für Porträts englischer Adliger an. 1755 kehrte er auf das Festland zurück und ging nach Holland, wo er innerhalb von zwei Jahren in mehreren Städten Station machte und wiederum wichtige Personen porträtierte. Amsterdam war dabei für ihn privat wichtig, denn hier heiratete er 1756 seine bedeutend jüngere und ebenfalls aus einer Hugenottenfamilie stammende Frau.

Zurück in Genf – Liotard bezieht seinen Alterssitz

Schließlich kehrte er für seine restlichen gut drei Lebensjahrzehnte 1757 in seine Heimatstadt Genf zurück, und das als bekannter und wohlhabender Mann. Trotz daß er bei seiner Rückkehr bereits 55 Jahre alt war, zog er in Genf noch fünf eheliche und ein voreheliches Kind groß. Er setzte sich auch künstlerisch keineswegs zur Ruhe, sondern porträtierte berühmte und wichtige Bürger und Gäste Genfs. Sein Lebensabend wurde dabei von Zeit zu Zeit durch mehrmonatige (im Fall von London sogar durch eine mehr als einjährige) Reisen in wichtige europäische Städte unterbrochen, wo er ebenfalls porträtierend aktiv war.

So hielt sich Liotard 1762 wieder in Wien auf, wo er wiederum das Kaiserpaar porträtierte. Außerdem entstanden Bildnisse der Kinder des Kaiserpaares. Nachdem der österreichische Kaiser und Sohn Maria Theresias, Joseph II., bereits Liotard in dessen Alterssitz in Genf besucht und ihm dort für ein Porträt Modell gesessen hatte (um Aufmerksamkeit zu vermeiden, reiste Joseph II. unter dem Pseudonym Graf Falkenstein), lud er Liotard 1777 wieder nach Wien in, wo der Pastellmaler ein dreiviertel Jahr blieb. Dabei entstanden wiederum zahlreiche Porträts von Mitgliedern der kaiserlichen Familie und anderer Persönlichkeiten.

In einem für die damalige Zeit hohen Alter starb er 1789 in Genf.

Liotard etabliert sich selbst als Marke

Liotard hatte bereits im 18. Jahrhundert verstanden, daß es sich für ihn lohnen kann, sich selbst als Marke zu inszenieren. Sein markantes Äußeres war dabei keineswegs reine Exzentrik, sondern vor allem kalkulierter Effekt. Indem er sich auffällig mit langem Bart, Pelzmütze und türkischem Gewand als „peintre turc“ gab und sich selbst auch so bezeichnete, stach er aus der Masse der zeitgenössischen Maler bereits durch seine Erscheinung heraus. Diese verstand Liotard durch zahlreiche Selbstporträts, die dann sogar mit anderen Bildern in Ausstellungen gezeigt wurden, zu verbreiten. Und schließlich sprachen sich auch seine hohen Honorare herum, die ihrerseits – selbst wenn sie oft kritisiert wurden – so seinen Ruhm mehrten und wiederum dafür sorgten, daß er als solchermaßen berühmter Künstler auch weiterhin derart hohe Honorare verlangen konnte. Seine Bemühungen in diesem Bereich machten sich wortwörtlich bezahlt: Durch seine über viele Jahre hinweg hohen Honorare war Liotard nicht nur in der Lage, seine größer werdende Familie zu ernähren, sondern er konnte zudem noch in seiner Heimatstadt Genf Immobilien erwerben. Liotards Drang hin zum Geld rührt dabei wahrscheinlich von einem Bankrott her, den sein Vater einst erlitten hatte, und zum anderen von seinem eigenen protestantischen Arbeitsethos, gefördert durch seine hugenottische Herkunft.

Jean-Étienne Liotards Bedeutung als Pastellmaler

Liotard als Pastellmaler war Vertreter einer Kunstform, die schon länger existierte, aber erst nun, also im 18. Jahrhundert, und vor allem im damaligen Frankreich aufblühte. Dabei wurden in der Regel Porträts angefertigt, unter denen wiederum zahlenmäßig diejenigen mit Damen als Motiv dominierten. Der große Vorteil der Pastellmalerei gegenüber dem Ölgemälde liegt in der beim Porträt so wichtigen Möglichkeit, die Arbeit am Bild jederzeit unterbrechen und bei einer späteren Sitzung wieder aufnehmen zu können.

Aufgrund seiner für die damalige Zeit hohen Lebensspanne von fast 87 Jahren (1702-1789, jeweils in Genf) erlebte er die Epochen des Spätbarock, des Rokoko und der Aufklärung. Liotard war modern ausgedrückt freischaffend, was er sich aufgrund seiner meist sehr guten Auftragslage leisten konnte. Die hohe Nachfrage nach seinen Werken resultierte aus seiner Berühmtheit, und diese wiederum hatte ihre Wurzeln natürlich in seiner Meisterschaft bei der Erstellung seiner Bilder. Dabei gehörte Liotard keiner Schule an und hatte auch selbst (von Ausnahmen abgesehen) keine Schüler – dies war ungewöhnlich für einen Maler seiner Qualität und seiner Bekanntheit.

Im Alter von beinahe 80 Jahren brachte Liotard den Kerngedanken seiner Arbeitsweise auf den Punkt, indem er den Satz formulierte: „Man soll niemals malen, was man nicht sieht.“ Dementsprechend zeichnen sich seine Pastellbildnisse, die bereits zu Liotards Lebzeiten für ihre Farbintensität und schraffurlosen Oberflächen bekannt waren, durch wirklichkeitsgetreue Darstellungen aus. Seine Bilder trafen die Porträtierten also äußerst genau, weshalb Liotard von seinen Zeitgenossen als ‚Maler der Wahrheit‘ bezeichnet wurde. Dabei vermied es Liotard aber im Gegensatz zu vielen Barockmalern, die Figuren Affekte und Gefühle ausdrücken zu lassen. Es ist also bei seinen Porträts meist nicht möglich, Einblicke in die Persönlichkeit der Dargestellten zu gewinnen. 

Leider sind viele seiner Werke verloren gegangen. Die heute noch erhaltenen Gemälde finden sich vor allem in Genf und Amsterdam. Die Dresdener Sammlungen bewahren insgesamt vier Pastelle von Liotard, darunter das berühmte „Schokoladenmädchen“.