Das Pastellkabinett war eine einzigartige Sammlung innerhalb der Gemäldesammlung der sächsischen Könige, der heutigen Dresdner Gemäldegalerie. Die in diesem Pastellkabinett enthaltenen Kunstwerke sind größtenteils in der heutigen Gemäldesammlung der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden aufgegangen.

 

DIE PASTELLE ROSALBA CARRIERAS ALS GRUNDSTOCK IM PASTELLKABINETT DRESDEN

Der sächsische Kurprinz Friedrich August (der spätere Kurfürst Friedrich August II. von Sachsen und König Friedrich August III. von Polen) und Sohn Augusts des Starken unternahm in den Jahren 1711 bis 1719, also dem Jahr seiner Hochzeit mit der Erzherzogin Maria Josepha von Österreich, eine ausgedehnte Kavalierstour durch die europäischen Metropolen. Dabei traf er mindestens einmal die damals bereits berühmte Pastellmalerin Rosalba Carriera in Venedig. Dabei entstand übrigens mit einem Porträt des sächsischen Thronfolgers das einzige überlieferte Ölgemälde der Rosalba Carriera.

Ansonsten hingegen erstellte sie bevorzugt Pastellporträts, wobei sie eine große Meisterschaft erreichte – vergleichbar jener, die später Jean-Étienne Liotard an den Tag legen würde, der Maler des berühmten Pastells „Das Schokoladenmädchen“.

Pastellkabinett – Rosalba Carriera, Selbstporträt als Allegorie des Winters

Solche stets zu einem relativ festen Preis gut verkäuflichen Werke sicherten der Künstlerin ein gutes Auskommen, aber auch das große Interesse Friedrich Augusts II. Zusammen mit seinem Sohn Kurprinz Friedrich Christian kaufte dieser ihr über 40 Fürstenporträts ab. Hinzu kamen zahlreiche Werke der Rosalba, die Friedrich August teilweise in ganzen Konvoluten über Kunstagenten wie Francesco Graf Algarotti erwarb. Auch beim Tod der Künstlerin soll Friedrich August 1757 sämtliche Werke erworben haben, die sich zu diesem Zeitpunkt noch in der Werkstatt der Malerin befanden.

Diese exzessive Sammeltätigkeit erbrachte für Dresden die mit nicht weniger als 157 Gemälden weltweit größte Sammlung von Pastellen aus der Hand Rosalba Carriers. Zwar wurde diese hohe Zahl über die Zeit hinweg nicht gehalten – Tausch und Verkauf im 19. Jahrhundert sowie die mit 27 Gemälden hohe Zahl an Verlusten durch die Auswirkungen des Zweiten Weltkrieges verminderten den Bestand erheblich. Aber trotz allem gibt es nach wie vor weltweit keine größere Sammlung von Rosalba Carriera-Pastellen als die der Dresdner Gemäldegalerie mit ihren jetzt 73 Exemplaren.

 

DAS PASTELLKABINETT WIRD EINGERICHTET

Pastellkabinett – Rosalba Carriera – Erzherzogin Maria Theresa von Habsburg (ca. 1730)

Möglicherweise bildete die bereits hohe und noch weiter steigende Zahl an Pastellen von Rosalba Carriera im Dresdener Bestand den Anstoß für das Vorhaben, Pastelle künftig als eigene Bildersparte zu präsentieren. So wurde auch bei der Umgestaltung des bis dahin als Stallhof genutzten Gebäudes zur Gemäldegalerie durch Johann Christoph Knöffel in den Jahren 1745/46 der Pastelle gedacht, und man richtete in dessen Obergeschoß das Pastellkabinett ein. Dabei entstand dort ein durchaus großer Raum mit einer Grundfläche von knapp fünf mal zwölf Meter mit einer Raumhöhe von zirka 9 Metern. In diesem großen Kabinett war nur eine der beiden Längswände mit den Pastellgemälden behangen, während die zweite Längswand durch zwei große Fenster genügend Licht in den Raum ließ und neben und zwischen den Fenstern drei bis auf den Boden hinunter reichende Spiegel die Bilder quasi vervielfachten und dem Raum noch mehr Weite verlieh. Wenn man an der bebilderten Längswand den Sockel und das 

Gesims abzieht, so ergab sich etwa eine Ausstellungsfläche von 77 Quadratmetern. Leider wurde dieses Pastellkabinett im Zweiten Weltkrieg zerstört und nicht wieder originalgetreu aufgebaut.

Bedauerlicherweise ist es heute nicht mehr möglich, die exakte Zahl der ausgestellten Bilder zu nennen. Aber man kann, wenn man alle zur Verfügung stehenden Aufzeichnungen und Äußerungen von Besuchern des Pastellkabinetts auswertet, eine gewisse Schätzung abgeben. Unter anderem war das Kabinett dafür bekannt, daß die Ausstellungswand quasi komplett mit den Pastellen bedeckt war. Danach kann man davon ausgehen, daß vermutlich etwa 175 Pastelle gezeigt wurden, die zusammen mit ihren opulent geschmückten Rahmen ungefähr eine Fläche von 60 Quadratmetern bedeckten. Übrigens wurden für die Gemälde im Pastellkabinett nicht die üblichen, etwas schlichteren Galerierahmen verwandt, sondern es kamen für jedes Pastell einzeln auf Maß angefertigte Rahmen mit reicher und jeweils individueller Rokoko-Ornamentik zum Einsatz. Auch sie trugen maßgeblich zur Schönheit des Pastellkabinettes bei und haben sich glücklicherweise zum Teil bis heute erhalten.

Zwar läßt sich nicht mehr nachvollziehen, wer die Idee zur separaten Ausstellung der Pastelle hatte. Fest steht hingegen, daß es hier in Dresden im damaligen Stallhof weltweit zum ersten Mal geschah, und daß die Qualität und der Umfang der Sammlung Friedrich August II. zu verdanken sind. Zu den Werken der Rosalba Carriere wurden nach und nach Pastelle von Anton Raphael Mengs und seiner Schwester Theresia Mengs, Johann Heinrich Schmidt, Felicitas Robert (Henriette Félicité Tassaert), Daniel Claffé, Maurice Quentin de La Tour und natürlich Jean-Étienne Liotard hinzugefügt. Dank seiner Sachverständigkeit in Kunstfrage gelang dem Agenten Augusts des Starken, dem Grafen Algarotti, im Februar 1745 der Ankauf des „schönsten Pastells, das man je gesehen hat“, nämlich des Bildes „Das Schokoladenmädchen“ von Liotard. Das anerkennende Zitat stammt übrigens von niemand geringerem als der Altmeisterin des Pastells Rosalba Carriera selbst. Das Dresdner Pastellkabinett ist aufgrund der Zahl und der Qualität seiner Bilder die wohl bedeutendste und größte Sammlung dieser Art von Kunstwerken. Interessanterweise sollte dieses Pastellkabinet einzigartig bleiben, denn kein anderer Hof entschloß sich zu Nachahmung, also zur Einrichtung ausschließlich der Pastellmalerei gewidmeter Ausstellungen.
 
Jean-Etienne Liotard – Das Schokoladenmädchen (1744)

DAS PASTELLKABINETT GEHT IN DER DRESDENER GEMÄLDEGALERIE AUF

Als 1855 die Sempergalerie fertiggestellt wurde und die Dresdener Gemäldegalerie in diesen neuesten und größten Gebäudeteil des Dresdner Zwingers umzog, erhielten die Pastelle ihre neue Heimat in zwei Räumen des dortigen Erdgeschosses, wo zunächst insgesamt 178 Pastelle ausgestellt wurden. 1889, als einige Bestände in das neu gebaute Albertinum umzogen und somit freier Platz zur Verfügung stand, zogen die Pastelle innerhalb des Gebäudes um in den ovalen Verbindungsraum im Erdgeschoß zwischen Sempergalerie und dem restlichen Zwinger, wo sie bis 1924 blieben. Nach einer kurzen Phase einer Hängung nach verschiedenen Malschulen wurde Ende August 1939 sämtliche Museen geschlossen und die Werke an sicheren Orten ausgelagert. So wurden allein 64 Pastelle auf dem Schloß Weesenstein und weitere Pastelle auf der Festung Königstein deponiert. Dort überstanden sie zwar den Zweiten Weltkrieg und die Bombardierung Dresdens (wären sie im Zwinger verblieben, so wären sie wie dieser zerstört worden bzw. verbrannt). Aber sie fielen mit Kriegsende auch den Sowjets in die Hände, die sie zunächst nach Moskau verbrachten, bis man sie 1956 wieder nach Dresden zurückholen konnte. Viele dieser Pastelle werden seitdem wieder im Semperbau gezeigt, allerdings nicht mehr in der Form, die das Pastellkabinett einst hatte.