Das Schokoladenmädchen (eigentlich „Das Wiener Schokoladenmädchen“ – „La Belle Chocolatière de Vienne“) ist eine Pastellmalerei auf Pergament in der Größe 83 × 53 cm des Genfer Pastellmalers Jean-Étienne Liotard, das im Dezember 1744 entstand und heute zu den berühmtesten in Dresden zu bewundernden Bildern gehört. Dargestellt ist eines der für die damalige Zeit typischen Stubenmädchen, also eine Hausbedienstete.

Das Besondere des Bildes „Das Schokoladenmädchen“

Große Wertschätzung erfährt „Das Schokoladenmädchen“ vor allem aufgrund seiner beinahe fotografischen Genauigkeit, die besonders gut im Bereich des Gesichts und des Tabletts mit dem Wasserglas und der Tasse heißer Schokolade zu sehen ist. Aber auch die Kleidung (eine Böhmische Haube, Brusttuch, Schoßjacke und Schürze über einem grauen Rock) sind sehr sorgfältig ausgeführt. Hingegen besteht der Hintergrund nur aus einer hellen Wand und der Fußboden aus schlichten Dielen.

Die Haltung der Füße der Porträtierten machen es schwer einschätzbar, ob diese gerade sehr langsam geht oder doch nur steht. Zudem kann man aus ihrem Gesicht keine Gefühlsregung herauslesen. All dies verleiht dem Bild wenig Dynamik, was bemerkenswerterweise seine Faszination dennoch nicht beeinträchtig.

Das Motiv

Die Besonderheit beim Motiv des Bildes „Das Schokoladenmädchen“ von Liotard liegt in der Einmaligkeit der Darstellung einer dienenden Person ohne die dazugehörige Herrschaft. Viele andere Bilder hingegen rücken hochrangige Personen, Allegorien oder Musen in den Vordergrund. Auch die Helligkeit des Bildes (zusammen mit seiner für ein Pastell beachtlichen Größe) sorgt für Aufmerksamkeit, sind doch viele andere Pastelle oft mit einem dunklen Hintergrund ausgestattet.

Die auf dem Bild Das Schokoladenmädchen Dargestellte ist keine Bedienstete aus adligem oder gar kaiserlichen Hause, sondern eine einfache häusliche Dienerin im Wien des 18. Jahrhunderts. Diese waren zahlreich, aber nicht hoch angesehen, was sich auch in der ursprünglichen Beschreibung des Bildes äußert, in dem von einem „Stoubmench“ die Rede war, also einem Stubenmädchen. 1771 nannte der Katalog der Dresdner Gemäldegalerie den Titel „Wienerisches Cammermädchen, welche Chocolade serviert“, während 30 Jahre später die Wortwahl Liotards erneut aufgenommen wurde: „Ein Wiener Stubenmädchen mit Chocolade“. 

1835 schließlich spricht Friedrich Matthäi im Verzeichnis der Königlich Sächsischen Gemälde-Galerie zu Dresden vom „sogenannte[n] Wiener Chocoladen-Mädchen“, womit der heutige Titel quasi gefunden war. Nicht wirklich gefunden wurde hingegen die Identität der gemalten jungen Frau. Eine gewisse Zeit lang meinte man sie in der Wienerin Anne Baldauf gefunden zu haben, die 1802 einen Johann Karl Walther von Dietrichstein heiratete. Allerdings wurde sie erst 1757 geboren und scheidet somit als Modell vollkommen aus. Auch eine Geschichte, wonach Liotard während des Siebenjährigen Krieges in einem Dresdner Kaffeehaus eine Bedienung namens Zili porträtiert haben soll, ist frei erfunden.

 Der Ankauf des „Schokoladenmädchens“

Über den Ankauf des Gemäldes sind wir bis heute gut informiert. So hat sich beispielsweise die entsprechende Quittung erhalten, auf der Liotard mit Datum vom 3. Februar 1745 in Venedig den Empfang von 120 Sequin (Zechinen) bestätigt. Ausgezahlt hat ihm die Summe Francesco Graf Algarotti, der zu diesem Zeitpunkt bereits seit drei Jahren als Kunstagent im Auftrag des sächsischen Kurfürsten Friedrich August III. tätig war. Er kaufte das Gemälde für das Pastellkabinett des sächsischen Herrschers.

Der Preis von 120 Zechinen für das Schokoladenmädchen war außerordentlich hoch. Aber zum einen war Liotard zu Lebzeiten bereits für seine hohen Honorarforderungen bekannt, konnte diese aber wohl aufgrund seiner vermögenden Kundschaft und der Qualität seiner Pastelle auch verlangen. Und zum anderen wurde bereits unmittelbar nach seiner Fertigstellung das Schokoladenmädchen von Künstlern und Kunstkennern in den höchsten Tönen gelobt. Daran hatte auch Graf Algarotti einen großen Anteil. 

„Das Schokoladenmädchen“ – Kopien und Reproduktionen

Das Schokoladenmädchen dürfte zu den am meisten kopierten Gemälden aus dem Bestand der Dresdner Galerien zählen. Die vermutlich früheste Kopie fertigte dabei Matthias Oesterreich im Jahr 1756 an, wobei niemand Geringeres als der bekannte sächsische Premierminister Heinrich Graf von Brühl der Auftraggeber war, der letztlich durch seine hohe Position auch der Auftraggeber der für den sächsischen Hof tätigen Kunstagenten war. Im Laufe des 19. Jahrhunderts wurde dann eine sich immer höher steigernde Zahl an grafischen und fotografischen Reproduktionen dieses Gemäldes erstellt, was entscheidend zu seinem hohen Bekanntheitsgrad beigetragen hat. Dabei wurde natürlich gerade in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert nicht nur Das Schokoladenmädchen mit Hilfe der sich immer weiter entwickelnden Fotografie reproduziert, sondern auch viele der anderen Dresdner Gemälde. Hierfür wurde übrigens 1883 auf dem Dach des Zwingers (zwischen dem Französischen Pavillon und dem Wallpavillon) ein spezielles Studio eingerichtet.

Material und Unterkonstruktion des Bildes

Sehr oft benutzte Jean-Étienne Liotard Papier, gern auch gefärbt, als Maluntergrund für seine Bilder. Bei den drei in Dresden befindlichen Porträts hingegen, zu denen auch das „Schokoladenmädchen“ zählt, griff er auf das deutlich teurere Pergament aus Kälberhäuten zurück. Diese weisen hier eine filzig aufgeraute Struktur auf, die zwar nur unter dem Mikroskop erkennbar, aber für das Erstellen eines Pastells auf ihrer Oberfläche äußerst wichtig ist. 

Liotard benutzte beim „Schokoladenmädchen“ ein größeres Stück Pergament, an das ein kleineres angestückelt wurde. Sehr wahrscheinlich ist dies bereits vor Beginn der Arbeit am Bild geschehen und nicht erst während dessen. Liotard hatte also vermutlich kein Pergamentstück in der passenden Größe zur Verfügung, sondern mußte sich von vornherein auf die geschilderte Art behelfen. Eine Vergrößerung des Formats während der Erstellung des „Schokoladenmädchens“ gilt hingegen als eher unwahrscheinlich.

Interessant ist hier die Konstruktion. Es wurden nicht einfach zwei Pergamente miteinander verbunden und dann auf einen einzigen Rahmen aufgespannt. Stattdessen sind beide Pergamente jeweils auf einen eigenen Rahmen aufgezogen worden. Erst danach wurden diese beiden Rahmen fest miteinander verschraubt und abschließend die Übergangsstelle zwischen beiden Pergamenten auf der Bildseite mit einem etwa zwei Zentimeter breiten Pergamentstreifen überklebt, um den Spalt zu verdecken.